Weitere Informationen erhalten Sie auf unserer Hauptseite http://www.experten-sprechstunde.de

Prof. Dr. med. Jörg Schubert
Chefarzt Hämatologie /Onkologie
Evangelisches Krankenhaus Hamm
Werler Straße 110-130
59063 Hamm
Sekretariat:
Kornelia Sablowsky
Tel.: 02381 / 589-1332
Fax: 02381 / 589-1553
www.evkhamm.de
PROTOKOLL
Neutropenie - schwere Nebenwirkungen der Chemotherapie verhindern!
PROF. SCHUBERT: Wir beginnen um 19 Uhr.
Riccardo_Salzburg : Was ist denn eigentlich Neutropenie? Viele Fragesteller scheinen bereits sehr viel darüber zu wissen, aber für unsere Familie ist das ein völlig neues und beängstigendes Thema.
PROF. SCHUBERT: Die meisten Zellen werden im Knochenmark gebildet und zumeist als Folge der Chemotherapie werden diese Zellen innerhalb eines gewissen Zeitabschnitts weniger produziert. Das Resultat ist, dass die gewohnte Zahl an weißen Blutzellen absinkt. Eine Untergruppe der weißen Blutzellen sind die so genannten eutrophilen Granulozyten. Wenn diese Zahl unter 1.500 pro Mikroliter sinkt, spricht man von Neutropenie.
Hans-mit-wichtiger-F: Ich bin Diabetiker TypI und bekomme parallel zur Chemo (Darmkrebs) noch ein Mittel gegen Neutropenie. Da gibt es verschiedene, die auf einem Colibakterium aufgebaut sind. Coli ernährt sich von Zucker, ich darf aber keinen Zucker zu mir nehmen. Wirkt das dann trotzdem?
PROF. SCHUBERT: Das Mittel gegen Neutropenie heißt wahrscheinlich Filgrastim oder granulozyten stimulierender Faktor. Dieses Medikament ist ein Eiweiß, das aus Colibakterien produziert wird. Diese Produktion findet außerhalb des Körpers statt und nur das Endprodukt erhalten Sie dann gespritzt. Insofern ist die Ernährung des Bakteriums unabhängig von Ihrem Zustand als Diabetiker.
Wallner : Meine Frau hat Brustkrebs. Ging 4 Jahre gut, jetzt ist ein Rückfall oder eine Neuerkrankung, weil jetzt ist es die andere Brust. Die Chemo kennt sie ja schon und weiß, was zu erwarten ist, obwohl es dieses mal eine andere Zusammensetzung ist. Sie soll auch Wachstumsunterstützer für das Knochenmark bekommen. Das ist neu für sie. Als Vorteile wurden uns gesagt, dass es gut ist, um die einzelnen Zyklen besser einzuhalten. Wo ist der Zusammenhang mit den Zyklen? Es ist wieder noch mehr Chemie. Lohnt sich das wirklich?
PROF. SCHUBERT: Die Therapie mit dem Wachstumsunterstützer dient nicht dazu, mehr Chemie zu geben, sondern nur die Chemie pünktlicher zu geben. Bei dem so genannten Wachstumsunterstützer oder Knochenmarkhormon handelt es sich um einen körpereigenen Stoff. Dieser liegt nur in höherer Konzentration beim Patienten vor. Die pünktlicher gegebene Chemotherapie bringt für den Therapieeffekt einen Vorteil, damit der Tumor sich bis zum Folgezyklus nicht erholen kann.
Tonio : Warum ist Fieber bei Neutropenie so gefährlich? Was passiert da im Körper?
PROF. SCHUBERT: Die so genannten neutrophilen Granulozyten sind die erste Bastion der Abwehr. Wenn Bakterien in den Körper oder die Blutbahn eindringen, was meistens über den Darm passiert, bedarf es dieser ersten Reihe der Abwehr, da die Bakterien sich sonst schnell ungehindert in der Blutbahn ausbreiten. Dieses führt zu einer schweren systemischen Erkrankung, durch die die Patienten auch oft lebensgefährdet sind.
Mick : Ich mache eine Chemotherapie mit Tabletten und bekomme nach jedem Durchgang eine Spritze mit Neulasta. Den Rest der Chemo darf ich auf Mallorca in unserem dortigen Domizil beenden. Gibt es Neulasta als Tablette damit ich das auch mitnehmen kann?
PROF. SCHUBERT: Nein, Neulasta ist ein gekoppeltes Eiweiß, das durch den Verdauungsprozess zerstört, insofern ist Neulasta als Tablette nicht möglich.
Lux : Kann ein Abfall der weißen Blutkörper durch entsprechende Ernährung beeinflusst werden?
PROF. SCHUBERT: Nein, der Einfluss der Ernährung in dieser Fragestellung ist sehr gering.
Justus : Meine Frau bekommt zusätzlich zur Chemo G-CSF. Da hat sie aber erst nach der dritten Chemo mit angefangen. Seither geht es ihr schlechter, statt besser. Kann dass an diesen Wachstumsfaktoren liegen? Eigentlich sollte es ihr besser gehen. Ist aber leider nicht der so. Was passiert, wenn man das kurzfristig absetzt?
PROF. SCHUBERT: Zu klären wäre, warum es Ihrer Frau schlechter geht. Wenn es sich um eine Nebenwirkung des G-CSF handelt, müsste man darüber nachdenken, dieses abzusetzen. Die Frage nach, was passiert, wenn man es absetzt, ist nicht einfach zu beantworten. Wahrscheinlich wird die Zahl der weißen Blutzellen zu Beginn des Folgekurses der Chemotherapie niedriger sein. Aber hier sind klar Nutzen und Risiko gegeneinander abzuwägen.
norgspelmann auf syl: Sind diese Medikamente Neupogen oder jetzt das neue Medikament Neulasta sogenannte Biologika? Was bedeutet denn das, warum heißen die so? Sind doch echte Chemieklopper, wieso haben die das Attribut Bio?
PROF. SCHUBERT: Im weiteren Sinne sind diese beiden Medikamente Biologika. Das Attribut Bio bedeutet nicht immer Ökologie, sondern Biologika bezieht sich auf die Imitation oder Versendung körpereigener Wirkstoffe. Das können einerseits Botenstoffe wie Neupogen oder eben auch Antikörper, die im Körper produziert werden. Richtig ist allerdings, dass die Produktion dieser Medikamente synthetisch erfolgt.
riffler, bad soden : Was Sie am Anfang zu Neutropenie erklärt haben, erinnert mich als Laie (Angehöriger eines Patienten) an Leukämie. Oder habe ich das falsch verstanden? Wir sind gelähmt vor Angst über dieses neue Problem, von dem wir noch nie gehört haben!
PROF. SCHUBERT: Ich könnte mir vorstellen, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt. Neutropenie kann man einerseits als Ergebnis von Leukämien bekommen, in vielen Fällen hat es aber gar nichts mit Leukämie zu tun, wenn die Patienten aufgrund von anderen Erkrankungen chemotherapiert worden sind. Außerdem gibt es seltene Fälle, in denen im Körper die Neutrophilen vermehrt abgebaut werden, ohne dass ein Produktionsproblem vorliegt.
K.Hellwig : Worin liegt der Unterschied dieser beiden Substanzen Filgrastim und Pegfilgrastim? Erst habe ich das eine und aufgrund eines Rezidivs erneute Chemotherapie (andere Zusammensetzung) soll ich jetzt wieder zur Vorbeugung G-CSF bekommen, aber ein anderes Mittel. Mir wurde gesagt, das sei jetzt noch besser. Müssen bei so einer Veränderung eines Medikamentes neue Studien angefertigt werden? Wie sicher ist das? Was für Auflagen hat der Hersteller. Ich hätte lieber das Gleich, was ich vorher hatte, weil ich da die Wirkung einschätzen kann aus eigener Erfahrung.
PROF. SCHUBERT: Im Moment kann ich nur erraten, um was es sich bei Ihrem neuen Mittel handeln soll. Aber den Unterschied zwischen Filgrastim und Pegfilgrastim könnte ich Ihnen erklären. Das Filgrastim ist das einfache Eiweiß, welches im Körper vorkommt. Das Pegfilgrastim ist an ein Trägermolekül gekoppeltes Filgrastim. Diese Koppelung führt dazu, dass die Substanz nicht durch die Niere ausgeschieden werden kann und somit länger im Körper verweilt. Daher bedarf es bei Pegfilgrastim auch nur einer einzigen Dosis nach Chemotherapie. Der Verbrauch des Pegfilgrastim läuft quasi nur durch die Stimulation der Zellen im Knochenmark, aus denen Neutrophile werden sollen. Möglicherweise handelt es sich bei dem neuen Mittel um ein so genanntes Biosimilar. Diese Medikamente sind in den letzten Jahren von so genannten Nachahmerfirmen auf den Markt gebracht worden. Da diese Substanzen biologisch hergestellt werden, finden sich auch leichte Änderungen im Produktionsprozess gegenüber dem Original. Die Gleichwertigkeit dieser so genannten Biosimilars ist in einigen ausgewählten klinischen Studien getestet worden.
anonym : Welche Nebenwirkungen verursachen G-CSF Wachstumsfaktoren um einer Neutropenie vorzubeugen
PROF. SCHUBERT: Eine häufige Nebenwirkung sind die so genannten Knochenschmerzen. Diese treten meistens in der Phase des Anstiegs der Neutrophilen auf.
Kera : Kann man bei Hochdosistherapie die Ganulozyten und auch das Immunsystem positiv beeinflussen durch Neulasta?
PROF. SCHUBERT: Die klassische Hochdosistherapie benötigt ein so genannte Stammzellunterstützung oder autologe Transplantation. Dabei werden die eigenen Stammzellen nach Chemotherapie durch Stimulation mit C-GSF mobilisiert und in einer speziell dafür vorgesehenen Maschine aufgefangen. Diese Stammzellen kann man dann einfrieren. In dem folgenden Chemotherapiekurs kann die Dosis der Chemotherapie höher gewählt werden, so dass man auf die Blutbildung keine Rücksicht mehr nehmen muss, weil die transplantierten Fremdzellen dann den Job tun. Nach der Hochdosistherapie und Stammzelltransplantation bringt die Hinzunahme von Neulasta keinen wesentlichen Vorteil. Möglicherweise haben Sie mit Hochdosistherapie aber nicht die Therapie vor dem autologen Stammzelltransplantation gemeint. Für diese höher dosierte Therapie ist es oft von Vorteil, wenn Wachstumsfaktoren mit hinzugegeben werden, damit der Folgekurs der Chemotherapie pünktlich erreicht werden kann.
Bushy : Ich habe im Internet recherchiert und gesehen, dass Neupogen ja richtig teuer ist. Nun bin ich noch dankbarer, dass ich das bekomme. Ich habe so gut wie keine Nebenwirkungen. Wie wird so ein Medikament eigentlich auf seine Wirksamkeit getestet, bevor die Patienten es bekommen?
PROF. SCHUBERT: Eine Wirksamkeitstestung in der Medizin ist ein sehr komplexer Prozess. Bevor neue Medikamente am Menschen getestet werden, erfolgt eine solche Studie in speziell dafür präparierten Tierversuchen. Beim Neupogen ist die Fragestellung in den klinischen Studien der Verlauf der Neutrophilen nach Chemotherapie. Die klinischen Studien am Menschen werden in drei Phasen durchgeführt. In der ersten Phase geht es zunächst nur um die Sicherheit des Medikamentes. In der zweiten Phase werden Daten zur Wirksamkeit erhoben und in der dritten Phase wird diese erreichte Wirksamkeit gegen Placebo getestet. Daraus lassen sich dann Schlussfolgerungen für eine Wirksamkeit bei der Anwendung von Patienten erzielen.
Duric : Ist trotz einer Stammzeltransplantation eine Behandlung zur Verbesserung der Blutkörperchen sinnvoll oder notwendig?
PROF. SCHUBERT: Bei der Stammzelltransplantation ist die Gabe von Wachstumsfaktoren zur Verbesserung der Zahl der weißen Blutkörperchen nur in Ausnahmen erforderlich. Allerdings sind Transfusionen von roten Blutkörperchen und auch Blutplättchen in den meisten Fällen unerlässlich. Diese werden zumeist entsprechend des aktuellen Blutbildes verabreicht.
Kandeler : Warum ist die Infektionsgefahr so groß während der Chemo-Zyklen? Das geht doch nicht gegen das Immunsystem, vor allem könnte man das dann ja wohl nicht ambulant machen.
PROF. SCHUBERT: Es gibt Chemotherapieformen, die man ambulant geben kann, ohne dass der Patient dadurch in Gefahr gerät. Andere Therapien, insbesondere die, bei denen man eine längere Dauer der Neutropenie erwartet, müssen allerdings stationär verabreicht werden und außerdem muss der Patient im Anschluss an die Chemotherapie stationär überwacht werden.
Cory : Die letzten 8 Jahre waren sehr schwer mit verschiedenen Krankheiten, die sich eine nach der anderen anschlossen. Leider habe ich nicht rechtzeitig darauf geachtet und ich habe jetzt auch noch eine beginnende Osteoporose. Kann ich trotzdem gegen Neutropenie behandelt werden, weil das doch auch auf die Knochen geht?
PROF. SCHUBERT: Wie bei allen Therapien muss man Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen. Zu überlegen wäre eine spezifische Osteoporose-Therapie, die darin besteht die knochenabbauenden Zellen durch eine besondere Substanz zu hemmen. Diese Therapien werden bei vielen Tumoren auch prophylaktisch eingesetzt.
Rapio : Einen Tag nach meiner 3. Chemotherapie sollte ich eine Injektion bekommen, damit mein Blut sich nicht verändert und zur Stärkung des Immunsystems war das auch gedacht. Wie aus dem Nichts hatte ich am nächsten Morgen einen dicken Kopf mit Kratzen im Hals, Nase laufen usw. und deshalb habe ich diese Spritze nicht bekommen. Ich habe dann 4 Tage später nachgefragt und da wurde mir gesagt, dass diese Vorbeugung nur ganz kurz nach der Chemo wirksam ist. Stimmt es, dass das 5 Tage später keine Wirkung mehr hat? Wie kann das sein?
PROF. SCHUBERT: Die Antwort auf diese Frage ist jetzt ziemlich problematisch. Insbesondere deshalb, weil Sie den Namen der Injektion nicht genannt haben. Bei den Spritzen Neupogen oder Neulasta würde es nichts ausmachen, vier Tage später die Medikamente zu bekommen. Aber diese Antwort kann auf Ihre spezielle Frage alleine falsch sein, weil Sie möglicherweise eine andere Substanz gemeint haben.
Alizadeh : Ich soll jeden Tag Fieber messen, um rechtzeitig zu erkennen, wenn Gefahr im Verzug ist. Sind die Temperaturen gleich, ob ich im Mund oder im Po messe? Ist ein digitales Thermometer genauer, als die alte Quecksilbersäule? Ist die Tageszeit entscheidend?
PROF. SCHUBERT: Jeder Mensch hat schwankende Temperaturen über den Tag. Das ist ein normaler physiologischer Vorgang. Allerdings sind Temperaturen von über 38 Grad ein Signal nach einer Chemotherapie, sofort den Arzt aufzusuchen.
anonym : Ist eine prophylaktische Behandlung gegen die Auswirkungen der Neutropenie möglich, um Fieber, Infektionen und eine mögliche Lungenentzündung zu verhindern?
PROF. SCHUBERT: Mit den Wachstumsfaktoren kann man die Zeit der Neutropenie verkürzen. Diese Therapie hat auch einen geringen Einfluss auf die Tiefe der Neutropenie. Im Allgemeinen hält man es bei verschiedenen Chemotherapien so, dass wenn Fieber und Infektionen aufgetreten sind, man bei dem folgenden Chemotherapiekurs darüber nachdenkt, solche Wachstumsfaktoren mit zu verabreichen.
MODERATOR: Der Experte macht eine kurze Pause. Wir setzen die Beantwortung Ihrer Fragen in wenigen Minuten fort.
Karama : Meine Frau hat stark reduzierte Granulozyten, aber noch keine Neutropenie. Ihr Immunsystem ist aber reduziert. Nach meiner Information ist die Schweinegrippe eine abgeschwächte Lebendimpfung. Kann Sie trotzdem geimpft werden?
PROF. SCHUBERT: Der Impfstoff gegen die Schweinegrippe ist kein Lebendimpfstoff, sondern es handelt sich bei diesem Impfstoff um Komponenten aus dem Virus, die selbst aber nicht mehr infektiös sind. Insbesondere die Patienten mit eingeschränkter Kraft des Immunsystems sind seitens der ständigen Impfkommission vorgesehen, geimpft zu werden. Möglicherweise ist der Impferfolg nicht hundertprozentig, aber das, was erreicht werden kann, sollte unbedingt mitgenommen werden. Denn gerade bei solchen Patienten läuft die Virusgrippe oft dramatisch ab.
RainBollger : Unser sechsjähriger Sohn leidet seit seiner Geburt immer wieder unter zu geringer Anzahl weißer Blutkörperchen. Für Erwachsene gibt es da eine offenbar erfolgreiche Behandlung mit Neulasta. Leider darf unser Sohn das nicht bekommen. Gibt es die Möglichkeit einer Sondergenehmigung? Können wir hoffen, dass es auch für Kinder etwas geben wird in absehbarer Zeit?
PROF. SCHUBERT: Die von Ihnen geschilderte Erkrankung scheint eine hämatologische Systemerkrankung zu sein. Ich möchte Ihnen raten, sich mit Ihrem Sohn in einem spezialisierten Zentrum vorzustellen. Dort werden Sie die notwendige Therapie verordnet bekommen.
Gauer : Woran erkenne ich, außer dass ich nicht leistungsfähig bin, dass meine Garnulos wieder absinken
PROF. SCHUBERT: Das können Sie nur mittelbar an Ihrem Befinden erkennen. Die Granulozyten müssen im Blutbild bestimmt werden.
Ben_Schrött : Durch Darmkrebs-Chemo großer Gewichtsverlust wegen ständigem Durchfall mit Hautveränderungen am After. Zusätzlich Erschöpfung durch Durchfall und immer weniger werdende weiße Blutkörperchen? Was kann man gegen die Nebenwirkungen tun? Wir bekommen da keinen vernünftigen Hinweis?.?muß man halt durch?? Was empfiehlt der Experte?
PROF. SCHUBERT: Durchfall kann eine Nebenwirkung bestimmter Medikamente bei der Chemotherapie sein. Allerdings kann ich dieses so pauschal auf Ihren Fall nicht anwenden, da ich die Medikamente nicht kenne. Ich möchte Ihnen aber raten, die Ursache des ständigen Durchfalls abklären zu lassen. Gegebenenfalls lässt es sich spezifisch therapieren. In jedem Fall aber sollte eine symptomatische Therapie möglich sein. Wachstumsfaktoren helfen eher nicht gegen Ihre Beschwerden. Deren Gabe ist durch Blutbildkontrollen steuerbar.
Mara : Meine Mutter hat Brustkrebs und hatte gerade die 3. Chemo gehabt. Bisher kam sie damit relativ gut zurecht, aber jetzt hat sie eine Lungentzündung bekommen, die die Ärzte als Colateralschaden einstufen, bedingt durch die Chemotherapie. Tatsache ist, dass sich ihre weißen Blutkörperchen stark reduziert haben sollen (ich glaube so um die 4.000). Wir sollen darauf achten, dass sie keine erhöhte Termperatur bekommt. Dann sofort melden. .Es stehen noch weitere 3 Chemos an. Steigert, also verschlimmert sich das noch?
PROF. SCHUBERT: In einer solchen Situation ist es für die Ärzte sehr wichtig, den Verlauf des Blutbildes möglichst vollständig zu erfassen. Daher haben sie Ihnen die regelmäßigen Blutbildkontrollen empfohlen. Diese sind zumeist Kontrollen zweimal pro Woche. Aus diesem Verlauf heraus lässt sich dann therapeutisch reagieren. Entweder über die Veränderung der Chemotherapie oder über die zusätzliche Gabe von Wachstumsfaktoren.
Haake : Grunderkrankung NHL vor 6 Wochen diagnostiziert. Ich neige seit meiner Kindheit zu Bronchitis, ist momentan besonders schlecht. Deshalb habe ich Antibiotika bekommen. Nun soll da was gemacht werden durch ein blutbildendes Medikament was meine Werte insgesamt verbessern soll. Mit all den chemischen Stoffen, die in meinem Körper toben, was hat weniger Nebenwirkungen Antibiotika oder dieses neue was ich bekommen soll, das die Blutzellen aufbaut?
PROF. SCHUBERT: Es gibt Non-Hodgkin-Lymphome, bei denen gezeigt werden konnte, dass die Verkürzung der Chemotherapie-Intervalle sich therapeutisch positiv auswirkt. Dafür ist es jedoch erforderlich, Wachstumsfaktoren - wie Neupogen oder Neulasta - gleichzeitig zu geben. Im Hinblick auf Ihre Bronchitits ist eine prophylaktische Antibiotikagabe möglicherweise vorteilhafter. In jedem Fall sollten Sie während der Chemotherapie regelmäßig ärztlich untersucht werden.
G-Knocke : Kann man eine bestehende Neutripenie auch mit Wachstumsfaktoren bekämpfen oder geht das nicht mehr, wenn die Neutropenie einmal da ist?
PROF. SCHUBERT: Die Antwort ist grundsätzlich eigentlich ja, allerdings ist es erforderlich, vorher zu bestimmen, wodurch die Neutropenie bedingt ist.
EikGraf : Ist eine Autoimmunneutropenie das Gleich wie eine Neutropenie durch Chemo? Welche Behandlung ist geeignet, wenn Bluthochdruck besteht und schon ein TIA war?
PROF. SCHUBERT: Eine Immunneutropenie entsteht durch einen vermehrten Abbau der neutrophilen Granulozyten. Dieses ist zumeist durch Antikörper bedingt, die im Körper fälschlicherweise produziert werden. Bei der Neutropenie nach Chemotherapie handelt es sich um eine eingeschränkte Produktion der Zellen. Auch der bei Immunneutropenie lässt sich die Situation durch Gabe von Wachstumsfaktoren, wie Neupogen oder Neulasta, verbessern. Bluthochdruck und Durchblutungsstörungen sind zumeist keine Einschränkungen der Indikation für solche Medikamente. Allerdings sollte diese Behandlung durch einen Spezialisten erfolgen.
netti : Ich bin 18 Jahre als und habe immer eine ganz starke Periode mit viel Blutverlust. Kann daraus eine krankhafte Mangel- oder Unterversorgung entstehen?
PROF. SCHUBERT: In jedem Fall gehört der Blutverlust bei Periode abgeklärt. Durch die starken Blutungen kann ein Eisenmangel entstehen, der sich bei ausgeprägten Graden negativ auf die rote Blutbildung und damit auf das Befinden der Patientin auswirken kann.
TS09 : Der Onkologe hat meinem Bruder Neupogen verschrieben, wegen der Granulozyten. Aber er hat jetzt gaaanz starke Schmerzen in den Hüften, was er vorher nie hatte und er will das eigentlich absetzen. Der behandelnde Onkologe meint, dass sei ein gutes Zeichen. Warum das denn? Bisher nimmt er das weiter. Schmerzen bleiben. Kein Gewöhnungseffekt.
PROF. SCHUBERT: Die Schmerzen in den Knochen sind zumeist ein Zeichen einer beginnenden Blutbildung. Dieses ist wahrscheinlich mit dem guten Zeichen gemeint. Zumeist lassen sich diese Schmerzen mit einfachen Schmerzmitteln gut behandeln. Wenn es unter der Behandlung zu einem unverträglichen Ausmaß der Schmerzen kommt, sollte man über ein Absetzen oder Umsetzen des Wachstumsfaktors nachdenken.
Morchel : Welche Bedeutung hat die Biotechnologie in der Medizin. Ich lese immer häufiger, das bestimmte Therapien auf dieser neuen Herstellungstechnik basieren. Woher weiß man, dass die Medikamente sicher sind?
PROF. SCHUBERT: Es sind körpereigene Eiweiße, die biotechnologisch hergestellt werden. Der Vorteil dieser Substanzen besteht in einer geringen Nebenwirkungsrate. Es sind die natürlichen Signale dieser Substanzen, die man therapeutisch ausnutzt. Die Sicherheit eines jeden Medikamentes wird in einem komplexen Zulassungsprozess getestet. Dieser dauert zumeist einige Jahre und erfordert viel Aufmerksamkeit und Dokumentation, auch der Sicherheit dieses Medikamentes.
Lotte : Wie gefährlich ist das jetzt wirklich, wenn die Granos so runtergehen? Bitte um eine Einschätzung. Bin immer hinterher, dass mein Mann das kontrollieren lässt, aber er fühlt sich nur genervt durch mich und ich muss mich ständig gegen ihn durchsetzen. Das ist nicht gut für unser Verhältnis zueinander.
PROF. SCHUBERT: Wichtig bei der Planung der Chemotherapie bzw. ihrer Fortsetzung ist es, ein Bild darüber zu gewinnen, wie sehr und wie lange die Granulozyten absinken. Somit ist eine ständige Kontrolle zwar nervig, aber für den optimalen Therapieverlauf unerlässlich. Im Sinne Ihres Verhältnisses ist es möglicherweise hilfreich, ein gemeinsames Gespräch mit Ihrem Onkologen zu führen.
Diehl : Gibt es in Norddeutschland evtl. einen Schwerpunkt für Neutropenie, wo besondere Sachkompetenz ist. Bisher habe ich das Gefühl, dass ich zwar aufmerksam betreut werde, aber nicht wirklich mit Sachverstand. Wohne in der Nähe von Flensburg.
PROF. SCHUBERT: Eine Sachkompetenz in Sachen Neutropenie können Sie prinzipiell von jedem Hämatoonkologen erwarten. Einerseits gibt es eine Liste von niedergelassenen Hämatoonkologen, die Sie auf der Website des Bundes niedergelassener Onkologen finden. Andererseits gibt es in Schleswig-Holstein in Kiel und Lübeck auch Unikliniken mit einer entsprechenden Fachabteilung. Für Häuser in Ihrer Nähe sollten Sie die jeweilige Website zu Rate ziehen. Die Präsenz einer solchen Fachabteilung würde eine kompetente Betreuung mit sich bringen.
Mirle : Ich habe gerade meine dritte FEC Chemo hinter mir und bekomme noch 3 Taxotere. Habe nach der 2 Chemo Neupogen bekommen aber meine Werte sind nicht sehr gestiegen . Nach der letzten Chemo habe ich eine Neulasta Spritze bekommen. Jetzt sind meine Wer te sogar noch schneller abgesunken und auch meine Trombozytenwerte sind schon am 8 Tag bei nur noch 68 000 . Ist das normal? Kann es sein das Neulasta auch nicht wirkt?
PROF. SCHUBERT: Neupogen kann die Entwicklung einer Neutropenie nicht verhindern. Sein Effekt bezieht sich eher auf die Tiefe oder die Dauer der Neutropenie. Die niedrigen Trombozytenwerte werden durch Neupogen nicht positiv beeinflusst. Auch hier ist es wichtig, dass Sie den Verlauf Ihrer Blutwerte mit Ihrem Onkologen zusammen durchsprechen.
NEU : Es gibt eine Menge neuer Herstellungsverfahren in denen der Begriff Bio enthalten ist. Hat das mit biologisch zu tun? Ist es mehr pflanzlich, als andere?
PROF. SCHUBERT: Biologie ist die Lehre von lebendigen Strukturen. Sie darf nicht verwechselt werden mit der biologischen Produktion von Nahrungsmitteln. Auch Biologika werden synthetisch hergestellt. Allerdings handelt es sich um körpereigene Substanzen. Ihre natürlichen biologischen Signale werden in der Medizin therapeutisch ausgenutzt.
Clooney : Bisher ist Forschung und Behandlung an den Uni-Kliniken unter einem Dach gewesen. Jetzt soll das getrennt werden. Macht das Sinn? Dann haben wir nachher Forscher, die so weit weg sind von der Basis, wie unsere Politiker vom normalen Leben. Wie kriegen wir den Transfer zu den Patienten hin?
PROF. SCHUBERT: Für den medizinischen Fortschritt ist es wichtig, neue Behandlungsformen wissenschaftlich fundiert zu entwickeln. Insofern gebe ich Ihnen Recht, dass das gemeinsame Dach, unter dem diese beiden Komponenten angesiedelt sind, einen solchen Fortschritt erreichen können. Die Trennung von Forschung und Behandlung entspringt dem Gedanken, mehr Kompetenz in dem einen oder anderen Bereich zu erreichen, in dem sich die beteiligten Personen ausschließlich ihrem Bereich widmen können. Dennoch ist es auch genauso wichtig, die Verbindung am Ende zum Wohle des Patienten zu erreichen. Eine solche Synthese ist und bleibt auch in Zukunft eine große Herausforderung.
PROF. SCHUBERT: Ich danke allen Teilnehmern dieser Sprechstunde für die vielen interessanten Fragen und wünsche Ihnen allen noch einen schönen Abend!
Ende der Sprechstunde.
Partnerseiten:
http://www.experten-sprechstunde.de
http://www.adipositaszentrum-hamburg.de
http://www.villa-strandallee.de
http://www.renateharrington.de
http://www.showpianist.de